150 Jahre Ohrdorfer Windmühle:

Konstruktionszeichnung der Ohrdorfer Windmühle
Quelle: Akten des Nds. Hauptstaatsarchivs Hannover
Vorbemerkung und geschichtliche Betrachtung
Die Ohrdorfer Windmühle stellt eine markante Landmarke im Wittinger Land am westlichen Rand der Altmark dar. Auch wenn sie ihre Aufgabe als Mahlbetrieb verloren hat, ist sie auf diesem Gebiet des Landkreises Gifhorn eine der wenigen erhaltenen Windmühle überhaupt und enthält zudem noch Teile ihrer technischen Einrichtung. Ihre freie Lage in der Feldmark zeigt noch einen nahezu unverfälschten Windmühlenstandort, wie man ihn heute selten noch so vorfindet.
Der Erhalt der Mühle ist daher sehr zu begrüßen und künftig anstehende Restaurierungsarbeiten sind als sehr unterstützenswert zu betrachten.
Die Vorgeschichte zum Bau dieser Mühle ist von den politischen Umänderungen im Land Hannover geprägt. Als das Kurfürstentum und Königreich Hannover nach dem Verlieren der Schlacht bei Langensalza 1866 im sogenannten „Deutschen Krieg“ von Preußen annektiert worden war, entfielen alle althergebrachten Bestimmungen zum Bau neuer Mühlen. Am 27. April 1867 wurde ein Bericht des Vollhöfners Krüger zur Erbauung einer Kornwindmühle vor Ohrdorf vorgelegt und bereits am 2. Mai des gleichen Jahres entschloss die Königlich Preußische General Gouvernements-Verwaltung zu Hannover von allen Widersprüchen gegen den Bau abzusehen. Damit war der Bau der Mühle also von höchster Stelle genehmigt worden.
Krüger beauftragte noch im selben Jahr den Mühlenbaumeister C. Dettmer aus dem nahen Steimke mit der Planung und kurze Zeit danach legte Dettmer eine Entwurfszeichnung vor, deren Original noch heute im Hauptstaatsarchiv in Hannover aufbewahrt wird. Die geplante Mühle war als kombinierte Getreide- und Ölmühle vorgesehen, wbei die Getreidemühle einen Mahlgang mit nachgeschaltetem Sechskantsichter und einen Spitzgang zur Reinigung des Getreides erhalten sollte, die Ölmühle aus Keilpresse, Kollergang sowie Herd mit Rührwerk bestehen sollte. Ob es zur Ausführung der Ölmühle jedoch kam, ist nicht nach dem heutigen Forschungsstand klärbar. Die Mühle wurde als aus Ziegelstein gemauerter Turmholländer mit bootsförmiger Kappe, Segelflügeln und Stertvordrehung gebaut. Sie entspricht damit einer in dieser Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dieser Region und der benachbarten Altmark typischen Bauweise, an welcher der Mühlenbauer Dettmer wohl den Hauptanteil von Bauten hatte. Die ältesten Mühlen dieser Bauart fanden sich im Wittinger Stadtgebiet (Mühle am Umweg 1856, Lohmühle am Kakerbecker Weg 1858, Eickenmühle an der Bromer Straße 1859, Degehardts Mühle an der Bahnhofstraße 1879). Neben der Ohrdorfer Mühle blieben von dieser Bauserie noch die Mühlen in Radenbeck (1891), Knesebeck und in der Altmark die Mühlen in Siedenlangenbeck-Wöpel, Klötze und Tangeln erhalten.
Diese Mühlen sind als eine Art Mischform aus althergebrachtem Mühlenbauwesen mit neuzeitlichen Bauformen zu sehen, was die Ohrdorfer Mühle hier im Ursprungszustand als Beispiel gut wiedergibt. Von der älteren Form von Holländermühlen erhielt die Mühle noch die klassische Stertvordrehung der Kappe, Segelflügel und eine Flügelwelle mit hölzernem Kopf und einem Kammrad mit durch die Welle gesteckten Speichen. Der neuzeitliche Mühlenbau zeigte sich durch die teilweise Verwendung von Gusseisen für das Räderwerk (Stirnrad und Bunkler der Königswelle), Unterantrieb der Mahlgänge und die Einrichtung eines Fahrstuhls zum Transportieren der Mehl- und Getreidesäcke.
Wahrscheinlich um 1900 wurde die Mühle modernisiert und erhielt nun neben einem Jalousieflügelpaar und einem eisernen Wellkopf des Fabrikats Ernst Förster / Magdeburg als markanteste Änderung statt der Stertanlage eine Windrose zum automatischen Vorwinddrehen der Kappe. Diese Windrose war nicht wie gewohnt als einfaches, achtflügeliges Windrad ausgeführt, sondern als zwei Windräder mit jeweils vier Flügeln, die in der Horizontalen gesehen um genau 45 Grad verdreht zueinander angebracht worden sind. Eine ähnliche Anlage ist 1891 an der Mühle in Klötze durch den Mühlenbaumeister Eduard Müller aus Neustadt in Mecklenburg angebracht worden. Müller ließ sich eine weitere, konstruktiv jedoch vom hier vorliegenden System abweichende Doppel-Windrosenanlage als „Zwillingswindrose“ 1893 patentieren. Im Zuge der Anbringung der Windrosenanlage erhielt die Kappe nun einen neuen Drehkranz mit Außenverzahnung und gusseiserne Stuhlrollen aus der Fabrikation der bekannten Wittenberger Mühlenbaufirma Wetzig zum Erleichtern der Drehbarkeit. Wahrscheinlich um die gleiche Zeit ist auch neben der Mühle in einem separaten Gebäude ein Verbrennungsmotor aufgestellt worden, der die Mühle bei Windmangel antrieb. Dieser Motor ist dann kurz nach dem ersten Weltkrieg durch einen bequemer handhabbaren Elektromotor ersetzt worden. Die Mühle war in dieser Zeit mit einem Mahlgang, einem Schrotgang, einem Walzenstuhl und den zugehörigen Mehlsicht- und Getreidereinigungsmaschinen zeitgerecht ausgestattet.
Seit etwa 1938 war Erich Schulze Besitzer der Mühle, als er eine Tochter des Müllers Krüger geheiratet hatte. Da Schulze Landwirt, aber kein Müller war, führte der Müller Karl Genrich mit seinem Sohn Willi den Mahlbetrieb.
1956 erfolgte in der Zeit des großen Mühlensterbens die Stilllegung des Betriebes und ein folgender Verfall der Mühle setzte ein. Als Folge dessen verkaufte Schulze die Mühle 1964 und es erfolgte bald danach ein Umbau der Mühle zu Wohnzwecken. Dabei sind das äußere Erscheinungsbild der Mühle und sogar ein Teil der Mühlentechnik bis heute erhalten geblieben.
Wedemark-Brelingen,
12. 3. 2014 Rüdiger Hagen

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